Dolmetscher ist nicht gleich Dolmetscher. Mal tritt man als Konsekutivdolmetscher und mal als Simultandolmetscher auf. Was macht das Konsekutivdolmetschen aus?

Konsekutivdolmetschen: Definition & Bedeutung

Der Duden definiert „konsekutiv“ als ‚zeitlich folgend‘ und bringt für diese Bedeutung direkt als Beispiel: „konsekutives Dolmetschen (zeitlich nachgetragenes Dolmetschen)„. Beim Konsekutivdolmetschen hört der Dolmetscher also zunächst den Aussagen in der Ausgangssprache zu und dolmetscht diese dann im Anschluss in die Zielsprache.

Wenn dabei größere Abschnitte gedolmetscht werden, spricht man vom „klassischen“ Konsekutivdolmetschen. Diese längeren Abschnitte können mehrere Minuten – beispielsweise bis zu 7 Minuten – dauern. Längere Vorträge, Diskussionsbeiträge oder Tischreden werden so verdolmetscht. Dabei hält der Dolmetscher seinen Dolmetschblock in der Hand und nutzt eine spezielle Notizentechnik, doch dazu weiter unten mehr.

Bei kürzeren Redebeiträgen, zum Beispiel in Gesprächen oder Verhandlungen, während welcher die Gesprächspartner an einem Tisch sitzen und sich angeregt unterhalten, spricht man vom Gesprächsdolmetschen beziehungsweise Verhandlungsdolmetschen. Es handelt sich hierbei um eine Unterform des Konsekutivdolmetschens.

Kosekutivdolmetschen: Ablauf

Wie genau läuft eine Konsekutivverdolmetschung ab? Der französische Dolmetschwissenschaftler Daniel Gile würde sagen: CI = L + N + M + P + C. Was aussieht nach einer mathematischen Gleichung aus römischen Zahlen bedeutet Folgendes:

Consecutive Interpreting = Listening + Notetaking + Memory + Production + Correction
(Konsekutivdolmetschen = Zuhören + Notation + Gedächtnis + Produktion + Korrektur)

Ein Dolmetscher muss gut präsentieren und kommunizieren

Die einzelnen Komponenten des Konsekutivdolmetschens sind also: aktives Zuhören, die Notizentechnik, das Kurzzeitgedächtnis, die Wiedergabe der Verdolmetschung und gegebenenfalls Korrekturen. Diese einzelnen Phasen finden teilweise nacheinander, teilweise gleichzeitig statt. Beim Zuhören der Aussagen in der Ausgangssprache analysiert der Dolmetscher das Gesagte dolmetschorientiert. In Sekundenbruchteilen entscheidet sich der Dolmetscher, welche Inhalte er lieber notiert und welche Informationen im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden sollen. Es folgt die Wiedergabe der Verdolmetschung, währenddessen der Dolmetscher einerseits die im Gedächtnis gespeicherten Informationen abruft und andererseits die zu Papier gebrachten Notizen zur Unterstützung dazunimmt. Der Dolmetscher betreibt dabei Selbstmonitoring, er hört sich selbst zu, kontrolliert und korrigiert sich falls nötig. Spannend, nicht?

Konsekutivdolmetschen: Notizentechnik

Als Notizentechnik (auch: Notation) bezeichnet man die Art und Weise, wie ein Dolmetscher Notizen niederschreibt, während er dem Redner/der Rednerin in der Ausgangssprache zuhört. Wichtig festzuhalten ist, dass die Notation ausschließlich als Gedächtnisstütze wirkt. Hauptwerkzeug eines Konsekutivdolmetschers ist und bleibt das Kurzzeitgedächtnis, in welchem sich mehr speichern lässt als so mancher denkt.

Es gibt nicht die einzig wahre Form der Notizentechnik, jeder Dolmetscher notiert anders. Ein Dolmetscher notiert auch nicht immer gleich. Je nach kommunikativer Situation, Rede und Redner notiert man anders. Es gibt jedoch einige Leitlinien und Prinzipien, die von einem professionellen Konsekutivdolmetscher befolgt werden.

Notizentechnik: Leitlinien

Einige goldene Regeln gelten beim Notieren als Konsekutivdolmetscher, damit das Endergebnis stimmt:

  • Sparsam: Es sollte wirklich nur das notiert werden, was der Dolmetscher als notierwürdig erachtet. In erster Linie werden Namen und Zahlen niedergeschrieben, weil sich das menschliche Gehirn schwertut, diese Informationen im Kurzzeitgedächtnis abzulegen. Ebenso Strukturelemente sowie grundlegende Informationen und Botschaften werden notiert. Nicht mehr und nicht weniger. (Bei Strukturelementen handelt es sich in erster Linie um Konjunktionen: aber, denn, falls, andernfalls, somit, obwohl …)
  • Eindeutig: Das, was der Dolmetscher zu Papier bringt, sollte ihn selbst nicht verwirren und verunsichern. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass der Dolmetscher beispielsweise nach fünf Minuten Zuhören den Dolmetschblock auf die erste Seite zurückklappt, mit der Wiedergabe in der Zielsprache beginnen möchte, seine eigenen Abkürzungen und Symbole nicht erkennen kann. Außer uns selbst muss niemand unsere Notizen entziffern oder verstehen können.
  • Bildhaft: Bildhaftes Notieren hilft, um komplexe Gedanken in wenigen Strichen auf dem Papier festzuhalten. Häufig nutzen Dolmetscher Symbole für häufig vorkommende Begriffe. Es ist zum Beispiel deutlich effizienter, da schneller, sich ein Symbol für Arbeitslosenquote auszudenken, statt diesen Begriff auszuschreiben oder umständlich abzukürzen. Durch das bildhafte Notieren unter Nutzung von Symbolen notiert man außerdem sprachenunabhängig. Notiert man alle Informationen beispielsweise in der Ausgangssprache, muss man bei der Verdolmetschung die Notizen noch übersetzen. Versucht man, die Notation in der Zielsprache anzufertigen, kann das wertvolle kognitive Ressourcen kosten und die Fähigkeit, aktiv zuzuhören, negativ beeinträchtigen. Notiert man bildhaft und sprachenunabhängig, löst man sich aus diesem Dilemma.
  • Individuell: Wie bereits gesagt, notiert jeder Dolmetscher anders. Dessen sollte man sich auch bewusst sein. Es ist wichtig, sich beim Aufbau einer Notizentechnik auszutauschen und inspirieren zu lassen. Dennoch muss man als Dolmetscher seinen eigenen Weg finden, effizient zu notieren und zu arbeiten.
  • Konsequent: Die Notation sollte eindeutig sein und konsequent angewandt werden. Jedes Symbol und jede Abkürzung erhält eine Bedeutung, damit stets klar ist, was notiert wurde und wiedergegeben werden soll. Mögliche Verwechslungsgefahren führen zu Fehlern in der Verdolmetschung.
  • Anpassungsfähig: Je nach Situation ist eine andere Notizentechnik gefragt. Ein Beispiel: Spricht der Redner langsam, haben wir mehr Zeit und können entspannter zuhören und notieren. Spricht der Redner schnell, sollte man weniger notieren und genauer Zuhören.

Außerdem stellte der französische Dolmetscher François Rozan folgende 7 Prinzipien der Notizentechnik auf:

  1. Die Idee notieren, nicht das Wort (noting the idea and not the word)
  2. Abkürzungen (abbreviation): Wörter sollten nicht ausgeschrieben, sondern sinnhaft abgekürzt werden. Die Abkürzung „Pro“ ist demnach nicht sinnhaft, da sie Produktion, Produkt, Produzent oder Produktivität bedeuten kann. Besser ist es, die ersten und letzten Buchstaben eines Wortes zu notieren. Prokt könnte für Produkt stehen, Pront demnach für Produzent.
  3. Verbindungen (links): Dabei handelt es sich, wie oben angesprochen, um die Strukturelemente, die notiert werden sollten. Ebenso werden Pfeile eingesetzt, um Zusammenhänge zu verdeutlichen.
  4. Verneinungen (negation): Es gibt verschiedene Wege, um in der Notizentechnik effizient zu verneinen. Am häufigsten werden dazu Wörter einfach durchgestrichen („nicht einfach“ -> „einfach„. Manche notieren auch ein x oder „no“ vor dem Wort („nicht einfach“ wäre in der Notation also „x einfach“ beziehungsweise „no einfach“).
  5. Betonungen (emphasis): Möchte man bestimmte Wörter oder Symbole betonen, unterstreicht man diese. Sollen sie besonders betont werden, unterstreicht man sie mehrfach.
  6. Vertikalität (verticality): Notizen werden vertikal niedergeschrieben. Warum? Ideen und Gedanken lassen sich so besser gruppieren und strukturieren. Wenn wir unsere Notizen anschließend für die Verdolmetschung nutzen, fällt es uns einfacher, die Informationen wiederzugeben. (siehe Bild weiter unten)
  7. Verschiebung/Versetzung (shift): Wir notieren nicht nur vertikal, sondern auch versetzt. Man könnte also sagen, dass Notizen diagonal niedergeschrieben werden. In der Regel steht das Subjekt links, rechts darunter das Verb und rechts darunter das Objekt beziehungsweise alle weiteren Ergänzungen. (siehe Bild weiter unten)
Notizentechnik: ein bildhaftes Beispiel

Angenommen, der Beginn einer kurzen Einführungsrede beginnt wie folgt: „Meine Damen und Herren. Ich heiße Sie herzlich willkommen! Ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind. Heute beschäftigen wir uns mit der Entwicklung der Straßen- und Energieinfrastruktur.“ Diese ersten drei kurzen Sätze könnten wie folgt notiert werden.

Ein bildhaftes Beispiel für die Notizentechnik. Im Beispiel ist der Einsatz von Symbolen, Unterstreichungen, der Vertikalität und der Verschiebung zu beobachten.

Man beachte die Vertikalität und die Verschiebung: Wir notieren die Ideen diagonal von oben nach unten. Nach einem kurzen „hi!“ (= Herzlich willkommen!) zur Begrüßung steht das nachfolgende „I“ (= Ich) links oben. Rechts versetzt folgt der lachende und unterstrichene Smiley (= sich sehr freuen). Danach folgt rechts versetzt „U“ (= Du/Ihr/Sie) und mein Symbol für „hier“ (man könnte auch einfach hier oder here notieren – was ich selbst beizeiten auch mache). Es folgt ein horizontaler Strich, um die vorhergehende von der nachfolgenden Idee abzutrennen. Wieder links steht mein Symbol für „heute“. Das < weiter rechts versetzt steht für „sprechen“, was durch den Strich links und unterhalb in die Zukunft gesetzt wird (= sprechen werden). Nun folgen rechts unten noch meine Symbole für Entwicklung, Infrastruktur, Energie und Straße.

Konsekutivdolmetschen: Übungen & Tipps

Im Blog-Artikel „Dolmetscher werden und bleiben: Ressourcen und Übungen zur Fortbildung im Selbststudium“ habe ich einige hilfreiche Übungen und nützliche Tipps, unter anderem für das Konsekutivdolmetschen, zusammengefasst. Reinschauen lohnt sich!

Thomas Baumgart ist Konferenzdolmetscher und Übersetzer für Spanisch, Polnisch und Deutsch. Fachgebiete sind Industrie, Technik (IT) sowie Landwirtschaft & Ernährung. Im Blog eines Brückenbauers berichtet er von seinem Berufsalltag als Übersetzer und Dolmetscher und weiteren damit verbundenen Themen.

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