Zugegeben: Ich bin kein Fachmann für Leichte Sprache und der Blogtitel ist etwas fehlleitend. Leichte Sprache (oder auch Einfache Sprache) und das Konferenzdolmetschen haben aber doch einiges gemeinsam. Insbesondere die so genannten Dolmetsch-Strategien finden auch in der Leichten Sprache Verwendung. Wenn man davon ausgeht, dass das moderne Konferenzdolmetschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde und Leichte Sprache, zumindest im deutschsprachigen Raum, ein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, kann man Konsekutiv- und Simultandolmetscher durchaus als Vorreiter ansehen. Doch der Reihe nach: Was ist überhaupt Leichte Sprache? Was sind Dolmetsch-Strategien? Und was haben sie gemeinsam?

Leichte Sprache

Ich denke, so mancher von uns hat sich schon dabei erwischt: Man liest ein wichtiges Schreiben oder Dokument durch und versteht nur Bahnhof. Vor allem amtliche oder gerichtliche Schriftstücke können eine Herausforderung darstellen. Wenn es einem Durchschnittsbürger mit soliden Deutsch-Kenntnissen schwerfällt, alles mühelos zu verstehen, wie soll es dann Menschen mit Behinderung, Lernschwächen oder anderweitig bedingten schwachen Kenntnissen der deutschen Sprache gehen?

Hier kommt die Leichte Sprache ins Spiel: Unter Leichter Sprache verstehen wir eine vereinfachte Form der Sprache, vor allem der Schriftsprache. Diese Vereinfachung findet unter Einhaltung gewisser Regeln und Hinweise statt. Die Übertragung und Redaktion von Texten in Leichter Sprache erleichtert es der oben genannten Zielgruppe, mündlich oder schriftlich geäußerte Inhalte zu verstehen. Dadurch werden sie besser in das gesellschaftliche Leben integriert, da sie sich selbstständig gut informieren können.

Das Logo der Leichten Sprache
Das Logo zu Leichter Sprache von Inclusion Europe
(© European Easy-to-Read Logo: Inclusion Europe. More information at inclusion-europe.eu/easy-to-read)

Dolmetsch-Strategien

Kommen wir nun zum zweiten Aspekt unserer Gegenüberstellung: Was sind Dolmetsch-Strategien, teilweise auch Not-Strategien genannt?

Die Aufgabe von Dolmetschern besteht darin, mündliche Aussagen von einer Sprache in die andere zu übertragen. Ziel ist, dass eine funktionierende Kommunikation zwischen zwei Menschen entsteht, die sich ohne Dolmetscher nicht oder nicht ausreichend verstehen würden. Dabei sollen (bestenfalls) sämtliche Inhalte, sprachliche und inhaltliche Nuancen sowie Stilebenen übertragen werden. Nicht immer ist es aber möglich, alle Kriterien einer perfekten Verdolmetschung zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten zu erfüllen. Die kognitive Belastung ist beispielsweise während des Simultandolmetschens äußerst hoch: Man hört den ausgangssprachlichen Aussagen aktiv zu, muss sie analysieren, verstehen und für die Verdolmetschung verarbeiten, beginnt parallel zu dolmetschen (und hört natürlich weiter zu), darf die kommunikative Situation nicht aus den Augen verlieren, liest eventuell in den Vorbereitungsmaterialien etwas nach, recherchiert Terminologie und kontrolliert seinen eigenen Output auf Inhalt, Sprache und Stimme (das sogenannte Monitoring). All dies geschieht gleichzeitig. Warum das Gehirn dabei nicht platzt, ist mir ein Rätsel.

Ein Emoticon mit platzendem Gehirn
Warum das menschliche Gehirn beim Simultandolmetschen nicht platzt, bleibt mir ein Rätsel

Nicht immer ist es dabei möglich, eine optimale Dolmetsch-Leistung in der Zielsprache zu erbringen. Damit ein Dolmetscher aber nicht weinend die weiße Fahne schwenken muss oder panisch aus der Kabine rennt, um den Kopf in den Sand zu stecken, heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und Dolmetsch-Strategien anzuwenden. Der Zweck dieser Strategien ist, die kognitive Last zu reduzieren oder verlagern, um die kommunikative Leistung aufrecht erhalten zu können. An dieser Stelle nur ein Beispiel für eine Dolmetsch-Strategie: den zeitlichen Abstand zum Redner vergrößern. Dieser Abstand wird auch als Décalage bezeichnet. In der Regel beginnt ein Dolmetscher zu sprechen, wenn er die erste sinntragende Einheit verstanden hat. Spricht der Redner jedoch sehr langsam oder bricht Sätze häufig ab, empfiehlt es sich, die Décalage zu vergrößern. Dadurch rennt man dem Ausgangsredner nicht zu dicht hinterher. Begibt er sich dann in eine Sackgasse, können wir das früh genug erkennen und doch noch frühzeitig rechts oder links abbiegen. Durch dieses Ablösen erhält man mehr Spielraum und kann flexibler reagieren. Bei Zahlen oder Eigennamen kann es wiederum ratsam sein, die Décalage zu verkürzen, um abstrakte Inhalte nicht zu lange im Kurzzeitgedächtnis speichern zu müssen.

Keep calm and use strategies

Dolmetsch-Strategien vs. Leichte Sprache

Beim Blick in den Ratgeber zu Leichter Sprache des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ist mir aufgefallen, dass sich so manche Ratschläge für die Leichte Sprache und das Dolmetschen gleichen. Das hat mich dazu motiviert, diese Gemeinsamkeiten hier gegenüberzustellen.

Natürlich beziehen sich einige Hinweise zur Leichten Sprache ausschließlich auf die schriftliche Kommunikation, weswegen diese Aspekte bei diesem Vergleich außen vor gelassen werden.

Hinweise und Regeln

Allgemeine Regeln

Darauf müssen Sie bei der Leichten Sprache achten:
1. Wörter
2. Zahlen und Zeichen
3. Sätze
4. Texte
5. Gestaltung und Bilder
6. Prüfen

Prüfen ist für Leichte Sprache sehr wichtig. Prüfen gehört zur Leichten Sprache

Quelle: Leichte Sprache: ein Ratgeber des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (2018); S. 21

Zu Beginn des Ratgebers finden wir eine Auflistung der Punkte, die besonders zu beachten sind. Natürlich sind offensichtliche sprachliche Elemente wie Wörter, Sätze und Texte dabei. Interessant ist, dass Zahlen bei der Leichten Sprache wie auch im Dolmetschen einen Sonderstatus einnehmen. Nicht wenigen Dolmetschern fällt die Arbeit mit Zahlen schwer. Das, was in der Leichten Sprache als „Gestaltung und Bilder“ wiedergegeben wird, würden wir beim Dolmetschen als visuellen Input bezeichnen. Auch grafische oder multimediale Komponenten müssen beim Dolmetschen beachtet und bei der Dolmetschung berücksichtigt werden. Das Prüfen ist nicht nur für die Leichte Sprache wichtig, sondern auch beim Dolmetschen. Dort heißt dieser Aspekt „Monitoring“. Ein professioneller Konferenzdolmetscher monitort, also beobachtet und kontrolliert, sich selbst. Diese Output-Kontrolle dient dazu, möglichen Fehlern vorzubeugen oder bereits begangene Fehltritte auszumachen und so gut es geht zu begradigen.

Regeln zur Kategorie „Wörter“

Benutzen Sie einfache Wörter.

Quelle: ebd.; S. 22

Auch beim Dolmetschen geht es darum, lieber simplere Wörter zu benutzen, statt sich in komplizierten Fremdwörtern oder Satzstrukturen zu verwickeln. Manchmal neigt man dazu, sich mit dem Register des Redners messen zu wollen. Dabei kann man aber Gefahr laufen, zu viele kognitive Ressourcen für das Kreieren formschöner Wörter zu verbrauchen. Darunter leiden dann die Konzentrationsfähigkeit, die inhaltliche Vollständigkeit und die stimmliche Präsenz.

Benutzen Sie Wörter, die etwas genau beschreiben.

Quelle: ebd.; S. 23

Nichts anderes gilt beim Dolmetschen. Je weniger Gehirnschmalz wir für das Finden von Wörtern verbrauchen, desto besser können wir dolmetschen. Es ist also Teil unserer Aufgabe, kurz und präzise zu formulieren. Oder wie man auf Spanisch sagt: Lo bueno, si breve, dos veces bueno (Das Gute, wenn kurz, ist doppelt so gut).

Benutzen Sie bekannte Wörter. Verzichten Sie auf Fach-Wörter und Fremd-Wörter […] Erklären Sie schwere Wörter.

Quelle: ebd.; S. 24

Auf Fachbegriffe und anderweitige Terminologie zu verzichten, ist nicht immer möglich. Aber auch hier gilt: so einfach wie möglich. Nur die Terminologie verwenden, die wirklich gebraucht wird. Alle weiteren begrifflichen Fallstricke sollten wir vermeiden. Wir müssen bedenken, dass wir es dadurch nicht nur uns selbst, sondern auch dem Zuhörer, einfacher machen, die Informationen zu verarbeiten.

Benutzen Sie immer die gleichen Wörter für die gleichen Dinge.

Quelle: ebd.; S. 25

Einerseits, wenn es hierbei um terminologische Ausdrücke geht, also feststehende Begrifflichkeiten, an den nichts zu rütteln ist, ist es beim Übersetzen und Dolmetschen natürlich wichtig, diese Begriffe auch konsistent zu nutzen.
Andererseits lockert es einen Vortrag aber auf, Synonyme und sinnverwandte Ausdrücke zu benutzen. Es wirkt schnell monoton und dröge, immer dieselben Wörter zu benutzen. Bei inhaltlich schwierigen Passagen ist es aber absolut legitim so genannte Notstrategien anzuwenden. Eine dieser Notstrategien ist es, lieber auf bedeutungsverwandte Wörter zu verzichten. Wenn wir weniger über unsere Wortwahl nachdenken, können wir uns mehr auf andere wichtige Aspekte des Dolmetschens konzentrieren.

Benutzen Sie Verben. […] Benutzen Sie aktive Wörter. […] Vermeiden Sie den Genitiv. […] Vermeiden Sie den Konjunktiv. […] Benutzen Sie positive Sprache.

Quelle: ebd.; S. 28-32

All diese Hinweise zielen auf den gleichen Zweck ab und fallen beim Dolmetschen unter die Kategorie Notstrategien. Es geht darum, sprachlich und stilistisch einen Gang herunterzuschalten, um inhaltlich mitzukommen. Sobald unser Gehirn wieder freie Kapazitäten hat, können wir stilistisch wieder Vollgas geben.

Vermeiden Sie Rede-Wendungen und bildliche Sprache.

Quelle: ebd.; S. 33

Diesen Tipp müsste man den Rednern geben, die man verdolmetscht. Eine bildliche Sprache, blumige Ausdrucksweisen, Redewendungen, Sprichwörter, Zitate, Anekdoten und Witze sind für Dolmetscher absolute Horrorszenarien. Sie sind meist inhaltlich und sprachlich komplex, nicht immer bekannt und in der Regel kulturell bedingt. Je weniger es also davon gibt, desto einfacher fällt uns das dolmetschen.

Eine Meme mit der Aufschrift "When a woman says she's 29 weeks pregnant" zeigt eine verwirrte Frau als Symbolbild für die Schwierigkeit, Zahlen zu verdolmetschen
Ja, ja, Zahlen beim Dolmetschen …
(Quelle: knowyourmeme.org)

Regeln zur Kategorie „Zahlen und Zeichen“

Vermeiden Sie hohe Zahlen und Prozent-Zahlen.

Quelle: ebd.; S. 36

Zahlen gelten als sehr abstrakt, weswegen es einem schwerfällt, Zahlen wahrzunehmen, schnell zu verarbeiten und im Gedächtnis abzuspeichern. Auch Dolmetschern geht es da nicht anders. Man könnte sagen: Je weniger Zahlen, desto besser. Leider braucht es aber Zahlen, um Informationen zu untermauern. Ohne Zahlen geht es selten. Werden diese Zahlen in einem gewissen zeitlichen Abstand und mit angenehmer Redegeschwindigkeit vorgetragen sowie bestenfalls außerdem in Schriftform präsentiert (beispielsweise auf einer Präsentationsfolie), ist es machbar, Zahlen korrekt zu verdolmetschen. Doch nicht immer ist das möglich, weil es entweder an einem schriftlichen unterstützenden Input fehlt, weil der Redner viel zu schnell spricht oder weil zu viele Zahlen auf einmal auf den Dolmetscher herunterprasseln. Aber auch hier gibt es (Not-)Strategien, die sowohl beim Dolmetschen als auch in der Leichten Sprache Anwendung finden. Beim Dolmetschen nennt sich das Generalisieren oder Approximation. Manchmal kann es ausreichen, wenn man die Nachkommastellen einer Prozentzahl weglässt oder krumme Zahlen rundet. Dadurch kommt beim Zuhörer eine korrekte, wenn auch leicht vereinfachte Information an; besser so, als wenn sich der Dolmetscher an den Zahlen aufhängt und den gesamten Kontext nicht wahrnehmen kann.

Salamischeiben
Was die Salami mit dem Dolmetschen zu tun hat, erfährst du im nächsten Abschnitt.

Regeln zur Kategorie „Sätze“

Schreiben Sie kurze Sätze. Machen Sie in jedem Satz nur eine Aussage. […] Benutzen Sie einen einfachen Satz-Bau.

Quelle: ebd.; S. 44 f.

„Sagen Sie kurze Sätze“ ist auch eine häufig anzutreffende Dolmetsch-Strategie. Nichts geht über die gute alte SVO-Struktur: ein Satz aus Subjekt, Verb, Objekt, Punkt. Einen kompletten Redebeitrag mit diesem SVO-Satzbau zu verdolmetschen, ist alles andere als angenehm und machbar. Wenn es aber sein muss, können wir so schnell und klar Informationen herüberbringen, beispielsweise weil der Redner (zu) schnell spricht, die Informationsdichte zu hoch ist oder wir aus anderen Gründen nicht hinterherkommen. Wir bezeichnen diese Strategie als Segmentierung oder auch, was mir besonders gefällt, als Salami-Technik, da wir die Informationen häppchenweise Scheibe für Scheibe liefern.

Sie dürfen einen Text beim Schreiben in Leichter Sprache verändern.

Quelle: ebd.; S. 51

Auch beim Dolmetschen ist es erlaubt, „den Text zu verändern“. Was ich damit meine: Wie auch beim Übersetzen geht es beim Dolmetschen nicht darum, Wort für Wort in die Zielsprache zu übertragen. Wir übersetzen/dolmetschen keine Wörter, sondern Sinneinheiten. Schon aus rein sprachlich-stilistischen Gründen ist es nötig, in der Zielsprache andere Begriffe, Ausdrucksweisen und Satzstrukturen zu verwenden. Wenn dann noch Dolmetsch-Strategien, wie das Kürzen, Segmentieren, Generalisieren oder Auslassen, hinzukommen, wird der Ausgangstext umso mehr „verändert“ (i. S. v. „dolmetschorientiert angepasst“).

Moderne Konferenzdolmetscher als Erfinder der Leichten Sprache?

Wenn man berücksichtigt, dass das moderne Konferenzdolmetschen deutlich älter als die Disziplin der Leichten Sprache ist, lässt sich durchaus die Aussage treffen, dass sich die Leichte Sprache so mancher Strategie des Dolmetschens bedient. Wie dem auch sei: Es wird jedenfalls ersichtlich, dass Dolmetscher keine Papageien sind, die „einfach nur“ Wörter von einer in die andere Sprache übertragen. Sowohl bei der Leichten Sprache als auch beim Dolmetschen geht es darum, Informationen zu verstehen, zu analysieren, vorzukauen und durch den Einsatz von Strategien kundenorientiert anzupassen.

Thomas Baumgart ist Konferenzdolmetscher und Übersetzer für Spanisch, Polnisch und Deutsch. Fachgebiete sind Industrie, Technik (IT) sowie Landwirtschaft & Ernährung. Im Blog eines Brückenbauers berichtet er von seinem Berufsalltag als Übersetzer und Dolmetscher und weiteren damit verbundenen Themen.

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