Übersetzen und Dolmetschen 4.0: „Remove the fear factor“

Eingang zum WCCB - BDÜ-Fachkonferenz

Mein persönlicher Bericht von der 3. internationalen BDÜ-Fachkonferenz „Übersetzen und Dolmetschen 4.0 – Neue Wege im digitalen Zeitalter“ (22.-24.11.2019, World Conference Center Bonn)

Vom 22. bis 24. November 2019 fand im Bonner World Conference Center die 3. Internationale Fachkonferenz des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer unter dem Motto „Neue Wege im digitalen Zeitalter“ statt. Im Zentrum der Debatten stand zumeist die (neuronale) maschinelle Übersetzung. Es waren drei erlebnisreiche Tage: Vorträge, Keynotes, Kurzseminare, Workshops, Podiumsdiskussionen, Messe, Raum zum Netzwerken, Preisverleihungen …

Noch bis zum Jahr 2000 fanden im heutigen World Conference Center Bonn (WCCB) die Plenarsitzungen des Deutschen Bundestages und des Bundesrates statt. Außerdem befindet sich das WCCB in direkter Nachbarschaft zum UN Campus Bonn und der Zentrale der Deutschen Welle. Es war eine beeindruckende und würdevolle Location für die größte Zusammenkunft von Übersetzern und Dolmetschern in Deutschland. Die mehr als eintausend Teilnehmer kamen aus (wenn ich mich richtig erinnere) mehr als 25 Ländern. Es war zwar meine erste Teilnahme an einem solchen translatorischen Riesenevent, doch ich bin mir jetzt schon sicher, dass die Messlatte für die folgenden Konferenzen sehr hoch liegt.

Namensschild Thomas Baumgart BDÜ Fachkonferenz

Das emblematische Herzstück des Konferenzzentrums bildet der Plenarsaal. Am Freitagmorgen begann hier unter den wachsamen Augen des Bundesadlers unser Wochenende in Bonn. Alle wichtigen Versammlungen, einschließlich der Eröffnungs- sowie der Abschlussveranstaltung, fanden hier statt. Dolmetscher, Übersetzer und Moderator Simon Diez (simondiez.de) führte charmant, wortgewandt und humorvoll durch die Veranstaltungen. Es war grandios, dass „einer von uns“ die Rolle des Moderators übernahm und seinen Job wirklich klasse gemacht hat!

An allen drei Tagen fand von morgens um 9 Uhr bis abends um 17 Uhr ein Fortbildungsmarathon der Extraklasse statt. Bei der Fülle an Vorträgen, Seminaren und Workshops war für jeden etwas dabei. Falls ein Veranstaltungsblock nichts Interessantes zu bieten hatte, aber auch während der Kaffee- und Mittagspausen, wurde kräftig genetzwerkt. Wenn mehr als eintausend Sprachfreaks aufeinandertreffen, die verschiedenen Berufen nachgehen, zahlreiche Spezialisierungen besitzen und vielfältige Interessen verfolgen, geht der Gesprächsstoff natürlich nicht aus. Damit die Kehle nicht austrocknete und der Magen nicht knurrte, wurden wir kulinarisch auf höchstem Niveau versorgt. Auch die aufmerksamen Mitarbeiter des Catering-Teams verhielten sich der edlen Location würdig. Wie ich von einer Konferenzdolmetsch-Kollegin auf der Konferenz erfahren habe, hat ein Konferenzdolmetscher nach Ankunft am Veranstaltungsort (nicht ganz ernst gemeint) nur drei Fragen: Wo ist mein Kunde? Wo sind die Toiletten? Wo steht das Essen?

BDÜ-Fachkonferenz - Plenarsaal
Der wachsame Bundesadler und der Slogan der Dolmetscher und Übersetzer: #MULTITALKINGFÄHIG

Die Zukunft ist jetzt

Einige Kolleginnen und Kollegen erzählten mir von ihrer anfänglichen Skepsis und ihrem Unmut über die Ausrichtung der Konferenz: Was will die maschinelle Übersetzung? Frisst sie uns auf? Sterben wir aus?

Die Welt dreht sich weiter, auch ohne uns. Die Globalisierung und Digitalisierung wirkt sich, wie auf alle Branchen, ebenso auf die Übersetzer- und Dolmetscherwelt aus. Das Berufsbild verändert sich, neue Berufe entstehen. Diese neuen Tendenzen zu leugnen oder sich ihnen zu verschließen wäre fahrlässig. Die Idee der maschinellen Übersetzung ist zwar nicht neu, dennoch befinden wir uns noch am Anfang, insbesondere bei der neuronalen maschinellen Übersetzung, und es liegt an uns, diese modernen Entwicklungen zu gestalten. Wir sind alle erstklassig ausgebildete und zumeist sehr erfahrene Experten für Sprache, Sprachen und Kulturen, die ihr Fachwissen nun bei der Ausgestaltung von möglichen Einsatzgebieten der maschinellen Übersetzung einbringen müssen. Das bloße Übersetzerhandwerk reicht heute nicht mehr aus. Es braucht „Übersetzen Plus“, also beispielsweise Übersetzen+Dolmetschen, Übersetzen+Post-Editing, Übersetzen+technische Redaktion, Übersetzen+IT-Kenntnisse, Übersetzen+Untertiteln, Übersetzen+Audiodeskription, Übersetzen+Leichte Sprache oder Übersetzen+Sprachberatung. Mit anderen Worten: Benötigt der Kunde ein umfassendes Highend-Gesamtpaket eines professionellen Sprachmittlers, kann die maschinelle Übersetzung uns nichts anhaben. Die Kunden, die es quick and dirty wollen, zahlten eh schon schlecht, hatten keinen Qualitätsanspruch und werden sich wohl mit den Ergebnissen der maschinellen Übersetzung zufriedengeben. Für uns Humanübersetzer bedeutet das: Klasse statt Masse. Die Maschinen werden die Übersetzer nicht ersetzen. Die Maschinen werden nur die Übersetzer ersetzen, die sich den Maschinen verschließen.

Gleichzeitig können wir anhand der maschinellen Übersetzung und anderer digitaler Helferlein die Quantität bei gleichbleibend hoher Qualität steigern. Die maschinelle Übersetzung hat in bestimmten Einsatzgebieten ihren Sinn und Zweck und bietet bedingt Vorteile, die es zu nutzen gilt. Indem wir uns mit diesem Thema ausgiebig auseinandersetzen, sind wir dem Kunden einen Schritt voraus und können ihn beim Einsatz der maschinellen Übersetzung behilflich sein sowie mögliche Gefahren und Kritikpunkte aufzeigen.

Es ist die Aufgabe der Ausbildungsstätten, die angehenden Sprachmittler auf die aufkommenden Tendenzen vorzubereiten: Wie viel Übersetzerhandwerk muss noch gelehrt und wie viel Technikschulungen braucht es, damit die Studierenden den neuzeitlichen Anforderungen der Berufswelt gerecht werden? Das Studienangebot muss modernisiert werden, CAT-Tools müssen zur Grundausstattung gehören, multimediale Angebote, wie Untertitelung, Lokalisierung oder Desktop-Publishing, sowie Kurse aus dem Spektrum der inklusiven Kommunikation (Leichte Sprache, Audiodeskription, Schriftdolmetschen) müssen verstärkt angeboten werden, damit auch die Hochschulen am Ball bleiben.

EMT Kompetenzrahmen
Der Europäische Master Übersetzen (EMT): Welche Kompetenzen benötigt ein ausgebildeter und professioneller Übersetzer? (Zum Vergrößern klicken)

Im Dolmetschen äußerst sich die Digitalisierung durch den verstärkten Einsatz von CAI-Tools und die neuen Formen des Video Remote Interpreting (VRI) sowie Remote Simultaneous Interpreting (RSI).

CAI-Tools sind dem Dolmetscher das, was die CAT-Tools für den Übersetzer sind, also eine Softwarelösung für das Terminologie- und Wissensmanagement. Diese Tools werden jedoch immer leistungsstärker. Sie dienen nicht nur der Terminologielistenerstellung, sondern helfen auch bei der Extraktion von Termini aus den Vorbereitungsmaterialien vor einem Auftrag und zum blitzschnellen Recherchieren von Begrifflichkeiten während des Einsatzes auf einer Konferenz. Im Zusammenhang mit CAI-Tools steht die potenziell mögliche Spracherkennung der Äußerungen des Redners. Diese Transkription des Gesagten dient der sogenannten Visualisierung. Insbesondere Zahlen lassen sich besser verstehen und auch dolmetschen, wenn sie zu Papier gebracht wurden. Durch die Verschriftlichung muss sich der Dolmetscher die Informationen nicht mehr vor dem geistigen Auge vorstellen.

Das VRI gilt als eine moderne Form des Konsekutivdolmetschens und wird vor allem im Community Interpreting, dem Dolmetschen im Gemeinwesen (beispielsweise Krankenhäusern, Arztpraxen, Ämtern und Polizeidienststellen), eingesetzt. Der Dolmetscher wird in der Regel on demand, also auf Abruf, per Videoanruf in das Gespräch geschaltet, um das Gesagte zu verdolmetschen. Das RSI ist das Fern-Simultandolmetschen als Gegenstück zur Vor-Ort-Dolmetschung. Der Konferenzdolmetscher sitzt also nicht klassischerweise in einer technisch adäquat ausgestatteten Kabine, um die Gespräche im Saal unmittelbar durch die Scheibe zu verfolgen, sondern an einem entfernten Ort und verfolgt das Geschehen per Kamera.

All diese neuen Formen der Terminologiearbeit und des Dolmetschens weckten Skepsis und wurden kontrovers diskutiert: Wird das Dolmetschen dadurch enthumanisiert? Verliert der Dolmetscher an Gewicht und Professionalität? Wie steht es um den Datenschutz, die benötigte technische Ausstattung, die Qualität der übertragenen Audio- und Videodaten und die Wahrnehmung des Dolmetschers vor Ort? Diese Debatten waren und sind nötig, doch auch hier heißt es, am Puls der Zeit zu bleiben. Ein kategorisches Desinteresse an den neuen Formen des Dolmetschens wird nicht funktionieren. Wenn Kritik und Bedenken geäußert werden möchten, müssen diese fundiert begründet werden. Die Vorträge, Workshops und Fortbildungen waren eine hervorragende Möglichkeit, um die verschiedenen Denkweisen kennenzulernen und sich mit den Plus- und Minuspunkten auseinanderzusetzen. Denn wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit …

Fazit

Die Fachkonferenz war für mich ein voller Erfolg. Meines Erachtens geht die Sprachmittlerzunft nun gestärkt, geschult und fokussiert in Richtung Zukunft. Anfängliche Skepsis und Unwissenheit wandelten sich zu Interesse und Erkenntnissen. Nicht nur für uns als Kollektiv waren es positive Tage, auch für mich persönlich hat sich die Teilnahme gelohnt. Das vielfältige Fortbildungsangebot brachte mir Themen wie maschinelle Übersetzung, Localization Engineering, Studium und Lehre 4.0, Remote Simultaneous Interpreting, Kundenakquise und Suchmaschinenoptimierung näher. Ich habe gute Kollegen wiedergesehen und es gab ausreichend Zeit und Raum, um sich intensiv miteinander auszutauschen. Außerdem wurde genetzwerkt bis die Visitenkarten glühten. Ich habe viele neue interessante und wertvolle Kontakte geknüpft. Mein persönliches i-Tüpfelchen war jedoch die Tatsache, dass ich eine äußerst sympathische und kompetente Konferenzdolmetsch-Mentorin im Rahmen des VKD-Nachwuchsprogramms gefunden habe, die mich als Mentee während meiner ersten Schritte auf dem professionellen Konferenzdolmetschmarkt durch die Jahre 2020/2021 mit Rat und Tat begleiten wird. Ich blicke voller Vorfreude auf die kommenden Jahre und freue mich jetzt schon auf die nächste 4. Internationale BDÜ-Fachkonferenz!

Haus der Geschichte
Auch eine kostenlose Führung durch das Haus der Geschichte gehörte zum Rahmenprogramm

5 Kommentare zu „Übersetzen und Dolmetschen 4.0: „Remove the fear factor““

  1. Hallo Thomas,
    das ist ein toller Bericht, der die Konferenz treffend zusammenfasst! Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklungen in den nächsten Jahren. Wie schnell und wie genau sich diese vollziehen wird, kann wohl keiner sagen, aber wir sollten tatsächlich das Mitgestalten nicht aus den Augen verlieren. Alles Gute auch für deine Konferenzdolmetschkarriere!
    Beste Grüße von Katrin

  2. Pingback: Mijn ervaringen en inzichten over de BDÜ Konferenz 2019 - EP Vertalingen

    1. Thomas Baumgart

      Dank u voor uw commentaar 🙂 Und vielen Dank für die Verlinkung meines Artikels auf deinem Blog!
      Herzliche Grüße
      Thomas

  3. „Meines Erachtens geht die Sprachmittlerzunft nun gestärkt, geschult und fokussiert in Richtung Zukunft. Anfängliche Skepsis und Unwissenheit wandelten sich zu Interesse und Erkenntnissen.“

    Bei mir war es tatsächlich so, lieber Thomas.
    Ich gratuliere zu diesem sehr treffenden und packenden Bericht und zu deiner neuen Mentorin natürlich auch!
    Auf die nächste 4. Internationale BDÜ-Fachkonferenz freue ich mich auch sehr.
    Beste Grüße
    Marta

    1. Thomas Baumgart

      Vielen Dank, liebe Marta, für deinen Kommentar und dein Lob! Es freut mich, dass deine Skepsis nun zu Interesse geführt hat 😛
      Liebe Grüße
      Thomas

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