Mercadona: Gelungene Zweisprachigkeit im Einzelhandel

hacendado - pizza masa fina atun

Die Globalisierung hat natürlich nicht vor dem Lebensmitteleinzelhandel halt gemacht. Somit sind auch zwei- oder mehrsprachige Etiketten und Verpackungen nichts Neues. Die spanische Supermarktkette Mercadona hat sich aber etwas Pfiffiges einfallen lassen.

Steckbrief: Mercadona

„Pocas cosas hay que resulten más representativas de la España actual que Mercadona, gigante de la alimentación y la limpieza doméstica, con esas famosas marcas blancas que ya son tan inherentes a nuestros hogares como la tarima, los radiadores y, sobre todo, la televisión de 120 pulgadas. Pero cabe ir más allá y afirmar que este gigante se ha convertido en la verdadera encarnación de la cultura ibérica.“

Miguel Ángel Aijón Oliva (2019): https://diarium.usal.es/maaijon/2019/07/13/iberia-mercadonica/

„Nur wenige Dinge sind repräsentativer für das heutige Spanien als Mercadona, der Riese im Lebensmitteleinzelhandel mit seinen allseits bekannten Hausmarken, die in spanischen Haushalten so wie Holzböden, Heizungen und insbesondere 120-Zoll-Fernseher Einzug gehalten haben und bereits zur Standardeinrichtung gehören. Man muss es klar und deutlich sagen: Dieser Gigant gilt mittlerweiler als Inbegriff der iberischen Kultur.“

Mercadona S. A. (sociedad anónima, die spanische Entsprechung für eine Aktiengesellschaft) ist die größte Supermarktkette Spaniens mit Sitz in Valencia. Obwohl das Unternehmen bereits seit 1977 existiert, war es bisher nur in Spanien vertreten. Seit 2016 arbeitete man an Expansionsplänen, um auch den portugiesischen Markt zu erschließen. 2017 öffnete das erste centro de Coinnovación in Portugal, um den Markt vor Ort gemeinsam mit den „Chefs“, wie das Unternehmen seine Kunden nennt, zu analysieren. Im Juli 2019 war es dann soweit: Die ersten Mercadona-Filialen in und um Porto öffneten ihre Pforten. Für 2019 sind insgesamt zehn Neueröffnungen in Portugal vorgesehen. Weitere Bürogebäude und Logistikzentren entstehen in Porto und Lissabon. Bis Ende 2019 sollen knapp 1100 Arbeitsplätze entstehen.

Lebensmittelkennzeichnung und mehrsprachige Verpackungen

Wir alle gehen einkaufen, wir alle lesen Verpackungen und Etiketten. Viel Freiraum gibt es nicht, die (nicht sonderlich realistischen) Bilder benötigen Platz und dazu müssen noch allerlei Pflichtangaben auf den Verpackungen vermerkt sein: exakte Bezeichnung des Produkts, Zutatenliste, Nettogewicht, Nährwertangaben, Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatum, Ursprungsland oder Herkunftsort, eine Gebrauchsanleitung oder Zubereitungsempfehlung … Obwohl diese Angaben meistens in kleinstmöglicher Schriftgröße und ohne Zeilenabstand abgedruckt werden, sagt der Lebensmittelverband, dass die Informationen „an gut sichtbarer Stelle in deutscher Sprache, leicht verständlich, deutlich lesbar […] anzubringen“ sind. Mehrsprachige Verpackungen sind heute gang und gäbe, nicht nur weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, sondern auch weil der Verbraucher gerne eindeutig verstehen möchte, was im Produkt steckt.

Spanisch und Portugiesisch Hand in Hand

Da Mercadona nun nicht mehr nur in Spanien vertreten ist, werden die Verpackungen und Etiketten bereits seit Monaten auf die Expansion ins lusitanische Nachbarland vorbereitet. Das Spanische muss dem Portugiesischen Platz machen. Natürlich müssen sich auch die Gestalter der Verpackungen an die Vorschriften der Lebensmittelkennzeichnung halten. Sie haben jedoch eine pfiffige und meines Erachtens gelungene Lösung entwickelt, um das Spanische und Portugiesische möglichst platzsparend anzubringen. Es handelt sich um eine Art Portuñol. Ich habe online einige Beispiele für zweisprachige Verpackungen der Mercadona-Eigenmarken Hacendado und Bosque Verde gefunden, die ich nachfolgend präsentiere und erläutere. Die Quelle ist auf jedem Bild angegeben. Mit einem Klick aufs Bild vergrößert sich dieses.

Thunfischpizza der Mercadona-Hausmarke Hacendado

Beginnen wir mit dem Titelbild: Es handelt sich um eine Thunfischpizza mit dünnem Boden der Mercadona-Eigenmarke Hacendado. Die spanische Bezeichnung ist auf der Verpackung dunkler gedruckt, die portugiesische heller:
Spanisch: MASA FINA – Atún
Portugiesisch: MASSA FINA – Atúm
Dass fina in beiden Sprachen „dünn“ bedeutet, kam den Gestaltern zu gute.

Spanische Tortilla aus Kartoffeln und Zwiebeln der Mercadona-Hausmarke Hacendado

Das zweite kulinarische Beispiel: eine Fertig-Tortilla bestehend aus Kartoffeln, Eiern und Zwiebeln. Auf Spanisch tortilla fresca de patata & cebolla und auf Portugiesisch tortilha fresca de batata & cebola. Die spanische tortilla wird im Portugiesischen zu tortilha angepasst (die spanische Buchstabenfolge ll und portugiesische Buchstabenfolge lh werden identisch ausgesprochen (/ʎ/)). „Kartoffel“ ist im Spanischen patata und im Portugiesischen batata. Die Zwiebel heißt im Spanischen cebolla und im Portugiesischen cebola. Statt für die sehr ähnlich geschriebenen Varianten den doppelten Platz zu gebrauchen, entschieden sich die Verpackungsdesigner für eine Portuñol-Mischform. Interessant ist in diesem Fall, dass die Farbgebung nicht einheitlich ist. Im Fall von Tortilla und Patata sticht das Spanische hervor und das Portugiesische wird nur als Schatten angedeutet. Bei Cebola steht das im Spanischen zusätzlich benötigte L im Hintergrund. Die Problematik, dass „und“ im Spanischen y und im Portugiesischen e lautet, wurde durch die Nutzung des kaufmännischen Und (&) geschickt umgangen. Noch eine Randbemerkung: Bei der Analyse der Verpackung fiel mir ebenso auf, dass die Tortilla im Spanischen wortwörtlich ein Nettogewicht (peso neto), im Portugiesischen jedoch ein Flüssiggewicht (peso líquido), von 600g hat.

Ingwer der Mercadona-Hausmarke Hacendado

Ein weiteres gastronomisches Beispiel: „Ingwer“ ist auf Spanisch jengibre, auf Portugiesisch gengibre. Da nur der erste Buchstabe angepasst werden muss, bietet sich diese Produktbezeichnung ebenso für eine Portuñol-Form an.

Mandelkekse der Mercadona-Hausmarke Hacendado

Das letzte Beispiel aus der Küche: rosquillas, beziehungsweise rosquilhas, sind kreisrunde Kekse, die in diesem Fall aus Schokolade und Mandeln bestehen. Chocolate wird in beiden Sprachen gleich geschrieben, doch almendra und amêndoa sind im Schriftbild so unterschiedlich, dass eine grafische Verschmelzung nicht möglich ist. Im gelben Schriftzug Rosquillas wurde durch einen blassgelben Zusatz das zweite spanische l zu einem portugiesischen h (wie bei der tortilla, beziehungsweise tortilha).

Küchentücher der Mercadona-Hausmarke Bosque Verde

Diese Küchentücher der Mercadona-Hausmarke Bosque Verde werden als besonders saugfähig beschrieben: auf Spanisch absorbente, auf Portugiesisch absorvente. Fraglich ist, weshalb die Anzahl der Blätter nicht in Portuñol angegeben wurde. Das spanische 100 servicios liese sich sicherlich mit Leichtigkeit mit dem portugiesischen 100 serviços verschmelzen.

Reinigungsalkohol der Mercadona-Hausmarke Bosque Verde

Ein weiteres Beispiel eines kulturell brückenschlagenden Haushaltsmittels. Dieser Reinigungsalkohol bringt die Völkerverständigung auf ein ganz neues Niveau. Alcohol ist die spanische Bezeichnung, álcool die portugiesische. Der in blassgrün hinzugefügte Akzent auf dem A ist also der portugiesischen Sprache und das zusätzliche h der spanischen Sprache geschuldet. Zu beachten ist der Wassertropfen in Limpeza (portugiesisch für „Reinigung“). Für die Portugiesen ist es einfach nur ein Tropfen, für die Spanier handelt es sich um ein grafisch dargestelltes i, da „Reinigung“ auf Spanisch limpieza heißt.

Himbeer-Raumduft

Diesen Raumduft gibt es in der Duftrichtung Himbeere, auf Spanisch frambuesa, auf Portugiesisch framboesa. Ein einfaches Spiel für die Grafiker.

Raumduftspray der Mercadona-Hausmarke Bosque Verde

Dieser Raumduftspray riecht nach weißen Blumen (wie auch immer diese duften mögen). Die Produktbezeichnung beginnt für beide Sprachen gleich (neutralizador de). Es folgt die spanische Übersetzung für „Gerüche“ (olores), gefolgt von der portugiesischen Entsprechung odores. „Blumen“ heißt in beiden Sprachen flores. Die Farbe Weiß schreibt sich im Spanischen mit l (blanca), im Portugiesischen jedoch mit r (branca), wodurch die auf dem Etikett zu bestaunende Buchstabenneuschöpfung entsteht.

Auch dieser Anti-Mückenstecker entpuppt sich als Meisterwerk des Portuñol. Auf Spanisch lautet dieses Produkt insecticida eléctrico, im Portugiesischen entfallen die beiden hellroten C: inseticida elétrico. Antimosquitos sowie mosquitos als auch tigre sind dann wiederum in beiden Sprachen gleich. Nur der die gemeine Stechmücke bezeichnende Zusatz común (Spanisch), beziehungsweise comum (Portugiesisch), ist unterschiedlich, was den Designern jedoch keine außerordentlichen Schwierigkeiten bereitet hat. Im Wort pastilla/pastilha ist wieder die portuñolsche Anpassung des ll und lh zu sehen.

Das letzte Beispiel zeigt die Verpackung von gigantischen (also extragroßen) reinigenden Tüchern zur Körperpflege. Das Adjektiv gigante ist in beiden Sprachen gleich, nur „Tücher“ wurde in diesem Fall in beiden Sprachen komplett ausgeschrieben (toallitas auf Spanisch, toalhitas auf Portugiesisch), obwohl die uns bereits bekannte ll/lh-Anpassung hier auch möglich gewesen wäre.

Was denkt ihr?

Was haltet ihr von dieser gestalterischen Meisterleistung? Die Gestalter der Verpackungen von Hacendado- und Bosque Verde-Produkten haben zwar viel Fantasie bewiesen, waren jedoch bei der Ausführung leider nicht immer konsistent. Findet ihr solche zweisprachigen Verpackungen durchaus interessant und angebracht oder doch eher unnötig und verwirrend?

Quellen

3 Kommentare zu „Mercadona: Gelungene Zweisprachigkeit im Einzelhandel“

  1. Lieber Thomas,
    danke für diesen sehr gelungenen Artikel. Das war mir jetzt neu.
    Vom Layout her finde ich es auch sehr schön gelöst.
    Wie ich das sprachlich finde und wie das auf mich als Kundin im Supermarkt wirken würde, kann ich dir jetzt noch nicht sagen. Über Weihnachten bin ich aber wieder in Barcelona und da kann ich mir beim Mercadona um die Ecke ganz schnell ein Bild davon machen. Bis dahin ist ja nicht mehr weit. ; )

    Schöne Grüße
    Marta Pagans

    1. Liebe Marta, vielen Dank für das Lob! Ja, genau, berichte bitte nach deinem Spanien-Aufenthalt. Ich bin gespannt, wie du es vor Ort empfindest. Auch würde mich natürlich interessieren, wie die portugiesische Kundschaft dieses „Portuñol“ findet …

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