Am Samstag, dem 18. Juli 2020, wurde in Bonn Dolmetsch-Geschichte geschrieben: Die erste Hybridveranstaltung des Internationalen Verbands der Konferenzdolmetscher (AIIC) und des Verbands der Konferenzdolmetscher (VKD) fand sowohl offline im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn als auch online per Videokonferenz statt. Außerdem war es die erste Dolmetsch-Großveranstaltung seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. Allein wegen dieser zwei historischen Fakten hat es sich gelohnt, dabei gewesen zu sein.

Herzlich willkommen zum Dolmetscher-für-Dolmetscher-Workshop 2020

Zur 11. Edition des Dolmetscher-für-Dolmetscher-Workshops (kurz: DfD-Workshop) kamen ausgerechnet im „Corona-Jahr“ so viele Teilnehmer wie noch nie zusammen: knapp 70 vor Ort, knapp 100 zugeschaltet per Videokonferenz (nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern Europas und der Welt). Insgesamt gab es somit 168 Zeugen dieses geschichtsträchtigen Ereignisses. Und in den sozialen Netzwerken wurde die Veranstaltung unter dem Hashtag #DFD2020 kommentiert.

Beim Video-Streaming gab es im ersten Teil der Veranstaltung noch technische Probleme: Mal brach der Ton weg, mal war kein Video zu sehen, mal war kein Dolmetscher zu hören. Dies zeigte nachdrücklich, wie störanfällig die Technik sein kann und wie wichtig es ist, kompetente Technikpartner und eine Art Digital Event Coordinator an der Seite zu haben. Die Technik-Probleme wurden jedoch schnell behoben.

Was ist der Dolmetscher-für-Dolmetscher-Workshop?

Der DfD-Workshop ist ein Forum für professionelle Konferenzdolmetscher. Nicht nur Mitglieder der AIIC und des VKD waren eingeladen. Man diskutiert aktuelle dolmetschrelevante Themen, netzwerkt, plaudert und lauscht den hochwertigen Vorträgen der Referenten.

Der Konferenztechnik-Anbieter PCS hatte allerhand zu tun: Es wurde gedolmetscht, der Saal musste beschallt und die Videokonferenz-Teilnehmer mit einem hochwertigen Ton und Bild versorgt werden.

Wie war der DfD-Workshop 2020?

Nun ist es für Nachwuchsdolmetscher generell aufregend, an Dolmetsch-Events teilzunehmen, sich auszutauschen, einander zu stärken und sich unter die erfahrenen Kollegen zu mischen. Man kann als junger Konferenzdolmetscher eventuell noch nicht bei allen Themen mitreden, sollte aber umso genauer zuhören, lernen und seine eigenen Gedanken machen. Und egal ob jung oder alt, ob unerfahren oder bewährt: Quatschen und Kontakte knüpfen geht immer.

Nicht nur für mich als Nachwuchs-Konferenzdolmetscher war es ein besonderes Erlebnis, denn für alle war es das erste dolmetschrelevante Großereignis, seitdem das Coronavirus die Welt in Schach hält. Wir haben uns bereits davon gewöhnt, dass die Pandemie unseren Alltag maßgeblich beeinflusst, doch auch (und insbesondere) der Berufsalltag hat sich verändert. Der DfD-Workshop war einerseits eine Bestandsaufnahme der vergangenen Monate, andererseits ein Blick in die Zukunft. Quo vadis, Konferenzdolmetschen?

Wie gesagt: Als junger Dolmetscher kann man bei spezifischen Themen nicht immer fachkundig mitreden. Umso schwieriger fällt es einem, sich auf diese neue Dolmetsch-Realität des Ferndolmetschens und Remote Simultaneous Interpretation (RSI) einzustellen. Wir kennen die „alte Normalität“ nur unzureichend und müssen uns jetzt – genauso wie die gestandenen Konferenzdolmetscher – auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Mir blieben die Worte einer etwas älteren Teilnehmerin des Workshops im Kopf. Es sei beachtens- und bewundernswert, wie professionell die heutige Dolmetsch-Kohorte die Umbrüche, Hindernisse und Problemstellungen angeht und weiterhin gekonnte Dolmetschleistungen abliefert. Auch wenn das Ferndolmetschen das Gebot der Stunde ist, stimmt es mich doch sehr freudig, dass sich augenscheinlich sowohl die Dolmetscher als auch die Kunden einig seien, dass eine Rückkehr zur schönen alten Welt des Vor-Ort-Dolmetschens für alle Seiten erstrebenswert ist.

Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Der 11. DfD-Workshop 2020 war eine Veranstaltung der vielen Fragen und wenigen (pauschalen) Antworten. Es ist häufig so, dass zwar zahlreiche Fragen aufkommen und diskutiert, aber nicht beantwortet werden, da es nun mal nicht möglich ist, allgemeingültige Antworten auf komplexe Fragen zu finden. Es wurde viel gedanklicher Input geliefert, Punkte angesprochen und besprochen, damit sich nun jeder selbst mit den entscheidenden Fragestellungen beschäftigt. Gleichzeitig ist es wichtig, die persönlichen Gedanken, Ideen, Hoffnungen, Kritiken und Anregungen auszutauschen und gemeinsame Leitlinien zu finden. Dafür sind die Berufsverbände AIIC und VKD und Veranstaltungen wie der DfD-Workshop sehr wertvoll. Es wurde deutlich, dass der pandemiebedingte Einbruch/Umbruch eine günstige Gelegenheit ist, alte Denkmuster zu hinterfragen, sich neu aufzustellen, sich fortzubilden, zusammenzurücken, den Markt zu analysieren und Kundenanforderungen besser zu verstehen. Als Nachwuchsdolmetscher ist es umso schwieriger, sich auf die aktuelle Situation einzustellen, da man im Studium und zu Beginn der Berufslaufbahn anderes gewöhnt war und die berechtigte Hoffnung besteht, dass das RSI wieder an Marktanteilen einbüßen und das klassische Vor-Ort-Dolmetschen zurückkehren wird.

Eine Auswahl der Erkenntnisse und Fragen, die ich am Samstagnachmittag aus Bonn mitnahm:

  • Dank Lisa Woytowiczs Fachvortrag zu Listening Styles: Wie sollte ich mein Zuhörverhalten anpassen, um mehr zu verstehen und meinen Kunden genauer zu helfen?
  • Dank Monika Otts Bericht der letzten Monate: Auch erfahrene Kollegen hatten und haben immense Probleme zu spüren bekommen. Ebenso die Kunden stehen ratlos da und benötigen jemanden, der sie an der Hand nimmt und kompetent berät. Die unfreiwillig freigewordene Zeit sollte zum Weiterbilden und Netzwerken genutzt werden. Wir müssen zusammenarbeiten und interdisziplinär denken.
  • Dank Karin Reithofers Erkenntnisse: (Zu) viele Menschen weltweit nutzen Englisch als Verkehrssprache, ohne verhandlungssichere Englischkenntnisse zu besitzen. Im Dialog mag das funktionieren, in monologischen Konferenzdolmetsch-Settings würden die Teilnehmer deutlich besser kommunizieren können, wenn ihnen professionelle Dolmetscher zur Verfügung gestellt würden.
  • Dank Anja Rüttens und Alexander Drechsels Hybrid-Vortrag: Welche Aspekte sind beim Berechnen von RSI-Honoraren zu beachten? Worin unterscheiden sich Ferndolmetsch- von Vor-Ort-Einsätze finanziell? Inwiefern sollten alte Honorar-Denkmuster überdacht und/oder verworfen werden? Was sind mögliche Vorteile, was ist die Krux des Dolmetschens von Zuhause oder aus dem Hub?
  • Dank Uroš Petercs Abschlussworte: Wie können wir einander helfen? Wie können die Berufsverbände uns den Rücken stärken (was in den letzten Monaten auf jeden Fall passiert ist)?
Sie lebten vergnügt bis ans Ende ihrer Tage.
Auf dass die Konferenzdolmetscher und Kunden Hand in Hand in die Zukunft gehen.

Thomas Baumgart ist Konferenzdolmetscher und Übersetzer für Spanisch, Polnisch und Deutsch. Fachgebiete sind Industrie, Technik (IT) sowie Landwirtschaft & Ernährung. Im Blog eines Brückenbauers berichtet er von seinem Berufsalltag als Übersetzer und Dolmetscher und weiteren damit verbundenen Themen.

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